Alle, die ein wenig tiefer in das Thema „Anerkennung außerschulischer Bildung“ einsteigen möchten oder auf der Suche nach Impulsen für Diskussionen und Aktivitäten sind, finden hier Informationen und Anregungen.
Bildung ist der Prozess, in dem Menschen diejenigen Fähigkeiten entwickeln und entfalten, die sie in die Lage versetzen, zu lernen, ihre Potenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Fachleute unterscheiden dabei zwischen drei Formen der Bildung: formaler, informeller und non-formaler Bildung.
Die formale Bildung kennt Ihr alle, schließlich gibt es eine Schulpflicht in Deutschland. Weil diese Bildungsform Euch in Eurer gesamten Schullaufbahn und später auch in der Universität, Fachhochschule oder beruflichen Ausbildung begegnet, wird sie häufig auch als „schulische Bildung“ bezeichnet. Gemeint ist die durchstrukturierte, stetig aufeinander aufbauende Bildung, die an ein System (Schule, Berufsbildungseinrichtungen, Hochschulen) gebunden ist. Die formale Bildung ist weitgehend verpflichtend, findet häufig in standardisierten Settings (z. B. Unterricht, Seminar) statt und beinhaltet eine Leistungsbewertung durch Noten und Zeugnisse.
Beispiel: Im Schulunterricht lernt ihr Englisch nach einem festgelegten Lehrplan. Die Unterrichtseinheiten bauen aufeinander auf und werden von Klassenstufe zu Klassenstufe schwieriger. Ziel ist es, dass ihr euch korrekt auf Englisch ausdrücken lernt. Eure Leistungen werden regelmäßig geprüft und benotet.
Die sogenannte informelle Bildung ist ebenfalls ein beharrlicher Begleiter in Eurem Leben, von der Ihr bewusst wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommt. Sie ist ein ungeplanter und alltäglicher Prozess. Ihr erlebt diese Form der Bildung meist in einem zwischenmenschlichen Rahmen, wie in der Familie, im Freundeskreis oder auch in der Freizeit und sie spiegelt sich vor allem in euren Haltungen, Werten und Fähigkeiten wider. Eine große Rolle spielen dabei die Einflüsse Eurer engeren Umgebung und tägliche Erfahrungen unterschiedlichster Art. Die informelle Bildung ist die Voraussetzung und der Leitfaden, auf denen die anderen beiden anderen Bildungsprozesse aufbauen.
Beispiel: Durch das Hören englischer Musik, englische Werbetexte oder einen Kurztrip mit Freunden nach London „schnappt“ Ihr ganz beiläufig Begriffe und Formulierungen auf. Das Lernen erfolgt unstrukturiert, zufällig und meist unbewusst.
Nun kommen wir zu unserem Leitthema: der non-formalen oder auch außerschulischen Bildung. Sie findet in der Regel außerhalb des schulischen Bezugs statt. Anzufinden ist sie z.B. in Jugendclubs und -zentren, Jugendverbänden, Sport-, Theater- und Musikvereinen, freiwilligen AGs an Schulen, Bildungsstätten, bei internationalen Jugendbegegnungen und in vielen weiteren Zusammenhängen.
Kennzeichnend für außerschulisches Bildung ist, dass sie organisiert ist - also nicht ungeplant, wie die informelle Bildung – und dass sie freiwillig ist. Weitere wichtige Merkmale sind:
Es geht bei der außerschulischen Bildung in erster Linie um Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit - Ihr sollt unterstützt werden, Euer Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Beispiel: Bei einem internationalen Seminar mit Teilnehmern/-innen aus Frankreich, Dänemark und Portugal ist Englisch Eure gemeinsame Arbeitssprache. Ihr diskutiert und arbeitet zusammen. Ob sprachlich alles korrekt ist, ist nicht so wichtig. Hauptsache ist, Ihr versteht einander. Die Seminarleiter/-innen unterstützen Euch dabei, indem sie in das Programm Elemente einbauen, bei denen Ihr u.a. spielerisch die für Euer Seminarthema wichtigen Vokabeln lernt.
Alle drei Bildungsformen sind natürlich eng miteinander verknüpft und ergänzen sich gegenseitig. Sie stehen in einem wechselseitigen Prozess zueinander.
Die Jugend(verbands-)arbeit dient Euch als Experimentierfeld in vielerlei Hinsicht. Ihr lernt z.B., dass Ihr in dieser Gesellschaft, was zu sagen habt und diese Stimme auch lautstark einbringen sollt und könnt. Dafür qualifiziert Ihr Euch auf unterschiedlichen Wegen. In Juleica-Schulungen erwerbt Ihr Kompetenzen für die Gruppenleitung, Ihr tobt Euch durch eigene Aktionen und Projekte Eures Verbandes im Eventmanagement aus und nehmt viele weitere Kompetenzen durch die Gemeinschaftserfahrung mit. Ihr debattiert über unterschiedlichste Themen, verhandelt mit Entscheidungsträgern/-innen und übernehmt sogar Leitungsverantwortung.
Im Sportverein spielt vor allem die Teamerfahrung eine große Rolle. Ihr motiviert Euch gegenseitig, auch wenn Eure Mannschaft mal ein „Tor“ kassiert. Fair Play ist das oberste Grundprinzip, das Euch für Konfliktsituationen rüstet. Ihr trainiert regelmäßig und wisst somit, dass man „am Ball“ bleiben muss, um etwas zu erreichen. Vielleicht lasst Ihr andere an Eurem spielerischen Können teilhaben, gebt anderen Tricks weiter oder trainiert sogar selbst eine Gruppe.
Bildungsstätten machen Angebote für Gruppen in unterschiedlichen Settings. Meist arbeitet ihr in diesem Rahmen sehr interaktiv und methodisch an unterschiedlichen Themen, zu denen ihr eigenen Ideen und Positionen entwickelt. Es geht also nicht darum etwas vorzugeben, sondern vor allen darum, euch Raum für eure eigenen Gedanken zu geben.
Im Vergleich zur formalen Bildung hat die außerschulische Bildung einen deutlich schwereren Stand. Erst seit zehn Jahren setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass junge Menschen bei außerschulischen Bildungsangeboten und Gruppenaktivitäten Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben, die einen wichtigen Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung, das gesellschaftliche Engagement, den Erwerb von Schlüsselkompetenzen und vieles mehr leisten. Nur zeigen sich diese häufig erst auf den zweiten Blick und lassen sich nicht in ein standardisiertes System wie Schulnoten pressen.
Wenn es um die Frage der Anerkennung außerschulischer Bildung geht, muss man danach unterscheiden, wer die Lernergebnisse anerkennt und zu welchem Zweck dies geschieht. In der Regel werden vier Formen der Anerkennung unterscheiden: Selbstanerkennung, gesellschaftliche Anerkennung, politische Anerkennung und formelle Anerkennung.
Selbstanerkennung bedeutet, dass Ihr als Teilnehmer/-innen von außerschulischen Bildungsangeboten und Gruppenaktivitäten Euch bewusst werdet, welche Kenntnisse und Fähigkeiten Ihr in diesem Rahmen erworben habt. Im zweiten Schritt geht es dann darum, das Erlernte auch in anderen Bereichen, z.B. in der Schule oder am Arbeitsplatz, gezielt anzuwenden.
Gesellschaftliche Anerkennung heißt, dass Andere besser verstehen, was außerschulische Bildung ist und die dabei erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten sowie das in diesem Rahmen geleistete Engagement schätzen. Diese „Anderen“ sind z.B. Eure Familie, Eure Freunde, Schulen und Universitäten, Arbeitgeber/-innen, die Nachbarschaft und auch „die Gesellschaft als Ganzes“.
Bei der politischen Anerkennung geht es darum, dass die außerschulische Bildung bei der Gesetzgebung, der öffentlichen Förderung und bei der Entwicklung politischer Strategien berücksichtigt werden. Dies umfasst auch die Verbände und Organisationen, die außerschulische Bildung anbieten. Kurz gesagt: Die außerschulische Bildung steht als wichtiger Punkt auf der Agenda von Politikern/-innen und anderen politischen Entscheidungsträgern/-innen.
Formelle Anerkennung heißt, dass z.B. außerschulisch erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten in formale Qualifikationen wie beispielsweise Zeugnisse einfließen oder dass Angebote der außerschulischen Bildung als offizielle Bildungsprogramme akkreditiert werden.